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Ökologie und Klassenkampf

von Patrick Münch

Foto: Brian A Jackson/Shutterstock.com

Die Menschheit ist in ein neues Zeitalter eingetreten, das Anthropozän, die vom Menschen beeinflusste natürliche Umwelt. Glaubt man den Schlussfolgerungen der beiden Biologen Paul und Anne Ehrlich, dann könnte es das letzte Zeitalter sein, in welchem Menschen als Art auf der Erde vertreten sind.

Zumindest sehen die beiden Wissenschaftler wenige Chancen, dass die Katastrophe abgewendet werden kann. In ihrer Studie „Can a collapse of global civilization be avoided?“ kommen sie zu dem Schluss, die meisten Menschen könnten die Gefahren einfach nicht erkennen. Dabei seien die Anzeichen überall zu sehen.1

Die Veränderungen der natürlichen Umwelt haben ein Ausmaß angenommen, das katastrophale Entwicklungen in Gegenwart und Zukunft immer wahrscheinlicher macht. Nicht nur die Erwärmung der Atmosphäre, der Klimawandel, mit allen Folgen wie Ernteausfällen, daraus resultierenden Hungerkatastrophen und Flüchtlingsbewegungen, sondern auch wesentliche andere Tatsachen sind Teil der Entwicklungen.

Dazu gehören an erster Stelle das Artensterben, also der Verlust von Biodiversität, und der Input von Stickstoff und Phosphor in die Biosphäre und die Ozeane.2 Heute freue ich mich über jede Wespe, Biene oder Hummel, die ich sehe, weil ich weiß, dass es manche Art schon bald nicht mehr geben wird. Schon heute hören wir weitaus weniger Vögel singen als zu unserer Kinderzeit. Die Welt ist ärmer geworden.

Lösungsansätze

Tatsächlich gibt es verschiedene Ansätze, wie diesen Entwicklungen zu begegnen ist. Der Ansatz des „grünen Kapitalismus“ (Green Economy, Green New Deal) läuft darauf hinaus, innerhalb des kapitalistischen Systems eine Lösung der Probleme anzustreben. Dabei werden die Grundprinzipien des Wirtschaftssystems nicht angetastet. Weder wird das Prinzip der Profitmaximierung in Frage gestellt, noch werden Alternativen zur herrschenden Eigentumsordnung gedacht. Alles soll so bleiben wie es ist, nur in grün. Aber es gibt keinen grünen Kapitalismus.

Denn es ist eher unwahrscheinlich, dass eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, deren vorrangigsten Ziele die Maximierung des kurzfristigen Profits sowie die Privatisierung allen Eigentums sind, in der Lage ist, den Herausforderungen unserer Zeit gerecht zu werden.

Darauf weist Richard Smith vom Institute for Policy Research & Development in London ausdrücklich hin und fordert für eine lebenswerte Zukunft den Aufbau einer ökosozialistischen Zivilisation.3 Das würde allerdings einen dramatischen Umbau des vorherrschenden Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells bedeuten.

Einem solchen Umbau stehen jedoch mächtige Interessen im Wege. Nicht zuletzt ist es allerdings das Denken der Mehrheit in freien demokratischen Gesellschaften, das paradoxerweise vernünftige Lösungsansätze verhindert.

Das doktrinäre System im Parlamentarismus

Wir wurden im doktrinären System dazu erzogen, in unserem Denken immer sorgsam abzuwägen. Schließlich, so brachte man uns bei, gibt es ja zu jeder Meinung eine Gegenmeinung. Nach einer vernünftigen Diskussion findet man dann einen Kompromiss. In einem solchen Denkmuster kann es keine Ausbeutung geben sondern vielmehr eine Sozialpartnerschaft.

Auch kann man nicht sagen, dass mächtige Staaten andere überfallen und unterdrücken, das heißt humanitäre Intervention. Genauso wenig kann man deutlich machen, dass die Folgen unseres Wirtschaftens die Lebensgrundlagen der Menschheit zerstören.

Eine solche Aussage zu treffen, das heißt, den doktrinären Rahmen zu sprengen, und darauf steht die Strafe des Ausschlusses aus dem Kreis der Vernünftigen, die immer zu einem ausgewogenen Urteil finden.

Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist verknüpft mit einem Regierungssystem, das auf parlamentarischer Basis die Herrschaft einer Minderheit über die Mehrheit absichert.

Durch ein ausgeklügeltes System der Gewaltenteilung ist es den Herrschenden in einer Demokratie ohne Anwendung von Gewalt möglich, die Mehrheit der Bevölkerung zu kontrollieren und sicherzustellen, dass wichtige Institutionen immer mit dem eigenen Dienstpersonal besetzt werden.

Damit ist der Parlamentarismus strukturell antidemokratisch. Um die Illusion einer gerechten Gesellschaftsordnung aufrechtzuerhalten ist allerdings ein ausgefeiltes Indoktrinationssystem nötig.

Dieses System ist institutionalisiert durch Schule und Ausbildung, Medien, Behörden und Ämter, Politik, aber auch wirksam durch Intellektuelle und Literatur sowie durch Propaganda und ihr kommerzielles Gegenstück, Werbung bzw. Public-Relations.

Logik des Systems und Alternativen

Das kapitalistische System mit seiner Maxime der Profitmaximierung wird gemäß seiner Logik dazu führen, die Klimakatastrophe und andere katastrophale Entwicklungen weiter zu verschärfen.4

Innerhalb der Logik des Systems hat immer der Profit Vorrang vor vernünftigen Entscheidungen, die den Katastrophen entgegenwirken könnten. Wenn man vernünftige Lösungen anstreben will, muss man das System grundsätzlich umwälzen.

Im parlamentarischen Rahmen ist es meines Erachtens allerdings nicht möglich, eine Mehrheit für eine Änderung des Wirtschaftssystems zu erreichen, denn wirtschaftliche Macht übt einen zu großen Einfluss auf politische Entscheidungen aus.

Wir alle tragen aber die Verantwortung, unsere Erde den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen.5 Wenn wir erkennen, dass der Parlamentarismus in eine Phase der Postdemokratie eingetreten ist, dann heißt die Konsequenz daraus, dass die Menschen die Verantwortung für ihre Belange nicht weiter an gewählte Vertreter abgeben können.

Deshalb müssen Alternativen oder zumindest Ergänzungen zum parlamentarischen System gedacht werden. Hier darf es keine Denkverbote geben! Eine denkbare Möglichkeit für die Zukunft wäre eine Organisation auf der Basis einer Rätedemokratie, wobei alle Entscheidungen dort getroffen werden, wo die Menschen leben und arbeiten.

Die Eigentumsordnung darf nicht tabu sein! Das Eigentum an Unternehmen sollte grundsätzlich bei denen liegen, die in diesen Unternehmen arbeiten. Sie treffen die Entscheidungen und ihnen gehört der erwirtschaftete Gewinn.

Andere Formen des Wirtschaftens sind denkbar und möglich! Bereits heute gibt es viele Unternehmen, die von den dort arbeitenden Menschen geführt werden.6

1Ehrlich PR, Ehrlich AH. 2013 Can a collapse of global civilization be avoided? Proc R Soc B 280: 20122845. http://dx.doi.org/10.1098/rspb.2012.2845

2 https://www.stockholmresilience.org/

3 Richard Smith, “Capitalism and the destruction of life on Earth: six theses on saving the humans”, real-world economics review, issue no. 64, 2 July 2013, pp. 125-151, http://www.paecon.net/PAEReview/

4 http://monthlyreview.org/2013/09/01/fossil-fuels-war

5 Engels, Friedrich; Naturbeherrschung. Kurzsichtigkeit hinsichtlich der ferneren Auswirkung der Naturbearbeitung bei lediglich betriebswirtschaftlicher Kalkulation; Studienausgabe in 5 Bänden; Band V; Prognose und Utopie; Aufbau Taschenbuch Verlag GmbH; Berlin; 2004; S. 192

6 https://www.democracyatwork.info/