Archiv der Kategorie: Kapitalismuskritik

Theorie und Praxis für eine andere Gesellschaft

von Patrick Münch

Das Ziel einer progressiven Politik kann nur sein, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verändern. Dazu ist es notwendig, diese Verhältnisse zu erkennen, so wie sie wirklich sind. Dafür brauchen wir die ständige theoretische Analyse.

Aus der theoretischen Erkenntnis leiten wir dann die Praxis ab. Um in diesem Sinne handlungsfähig zu werden, benötigen wir eine klare Strategie und auf dem Wege jeweils die richtige Taktik.

Klassengesellschaft

Die Analyse ergibt, dass wir in einer Klassengesellschaft leben und des Weiteren, dass von Seiten der Eigentümer der großen Vermögen ein brutaler Klassenkampf geführt wird gegen alle diejenigen, die in der Weltgesellschaft über keine Privilegien verfügen, also die Mehrheit aller Menschen.

Die Mittel der Herrschaft sind im globalen Norden der bürgerlich verfasste Nationalstaat und seine Regierungsform des Parlamentarismus, welche zum Zweck hat, die Interessen der besitzenden Minderheit gegen die legitimen Ansprüche der Mehrheit zu verteidigen und, in anderen Teilen der Welt, die nackte Gewalt.

Wer diese falschen Verhältnisse ändern will setzt diejenigen ins Unrecht, die sie mit Gewalt verteidigen. Aber Gewalt ist nur dann legitim, wenn sie auf illegitime Gewalt reagiert. Armut und Ausbeutung sind Formen illegitimer Gewalt. Die Gewalt zu ihrer Überwindung ist legitim.

Die Eigentumsverhältnisse, und damit die Machtverhältnisse, privilegieren eine Minderheit und enteignen die Mehrheit, die Produzenten des Reichtums, von den von ihnen selbst geschaffenen Werten. Der Klassenkampf von oben muss also durch den Klassenkampf von unten erwidert werden, mit dem Ziel, die Eigentumsverhältnisse zu Gunsten der Produzenten zu verändern!

Bevölkerungskontrolle

Die Kontrolle der Bevölkerung erfolgt in unserer westlichen Gesellschaft durch die Manipulation des Denkens. Über die Kanäle der Massenmedien werden Meinungen erzeugt, um politische Entscheidungen zustimmungsfähig zu machen. Das Bildungssystem hat die Aufgabe, den Lernenden zu vermitteln, dass die bestehenden Verhältnisse vernünftig und richtig sind und dass es falsch ist, sie verändern zu wollen.

Diese Art zu denken ist tief eingeschrieben in die geistige Kultur unserer Gesellschaft und dient dem Zweck, das bestehende Gesellschaftsmodell zu rechtfertigen. Eine Änderung der Verhältnisse beginnt also mit einer Änderung des Denkens: Kritisches Denken, die Reflexion der Verhältnisse, sind notwendig zur geistigen Selbstermächtigung.

Institutionen der Macht

Die Institutionen der Macht sind in ihrem Wesen so strukturiert, dass die Mehrheit von allen wesentlichen Entscheidungen ausgeschlossen ist. Nur eine kleine Gruppe, die über Wissen und Informationen verfügt, trifft Entscheidungen. Vorrangig müssen dabei die Interessen der Machteliten, der Eigentümer der großen Vermögen, gewahrt werden.

Alle Politik hat in diesem Sinne das Ziel, die Interessen dieser Geldmachtelite gegen die Ansprüche der Mehrheit durchzusetzen. Das wichtigste Mittel dazu ist der Ausschluss dieser Mehrheit von allen wesentlichen Entscheidungen. Massenmedien und Parlamentarismus haben in diesem Zusammenhang die Aufgabe, den Menschen vorzutäuschen, dass die politischen Akteure in ihrem Handeln das Wohl der Allgemeinheit anstreben.

Die Parteien und die darin agierenden Berufspolitiker erfüllen in diesem System die wichtige Funktion, die Illusion einer Beteiligung der Mehrheit an Entscheidungen zu erschaffen und aufrechtzuerhalten. In Wahrheit ist das System aber darauf ausgerichtet, dass die Mehrheit von allen Entscheidungen ausgeschlossen ist.

Damit dies nicht auffällt, vollführt die Politikerkaste täglich eine Art Theaterstück, in welchem eine Scheinwirklichkeit immer wieder von neuem geschaffen und gefestigt wird. Die Menschen bekommen so den Eindruck, dass Politiker tatsächlich zum Wohle der Gesellschaft aktiv seien.

Alternativen

Es gilt deshalb, jede Legitimität anzuzweifeln und sie, wenn sie in Wahrheit Herrschaft ist, zu de-legitimieren. Denn die Ordnung beruht eben darauf, dass der Rahmen des Handelns, – und des Denkens, nicht verlassen wird. Alles soll akzeptiert werden. Es kommt also darauf an, die Fähigkeit zu entwickeln und auszuprägen, hierarchische Verhältnisse zwischen Menschen, also alle Macht- und Herrschaftsverhältnisse, grundsätzlich in Frage zu stellen.

Die Änderung der Eigentumsverhältnisse muss das zentrale politische Fernziel sein. Um dieses zu erreichen brauchen wir revolutionäre Realpolitik. Das heißt, im taktischen Nahziel ist immer auch schon das strategische Fernziel enthalten. Diese politische Richtung kann man im besten Sinne als radikal links bezeichnen, denn sie geht die Dinge von der Wurzel her an.

Ziel des politischen Kampfes, und nur durch den Kampf können die Verhältnisse geändert werden, ist eine bessere, eine menschlichere, eine gerechtere Welt. Um es mit Frigga Haug zu sagen: „Gerechtigkeit ist eines, wonach uns verlangt, dafür braucht es Solidarität, und das Höchste ist Glück, dafür brauchen wir Liebe.“

Liebe zum Menschen, zum Leben, zum Lebendigen, ist die höchste Priorität. Alles Handeln, und im Voraus, alles Denken muss also dahin gerichtet sein, wie das Wachstum und die Entwicklung des Lebens, des Menschen, des Lebendigen an sich gefördert werden kann. Anders formuliert: Es gilt, alle Hindernisse, alle Barrieren zu beseitigen, die der vollen Entfaltungsmöglichkeit des Lebendigen, der Vielfalt, der Liebesfähigkeit, den Entwicklungsmöglichkeiten des Menschen, der noch unfertig ist, im Wege stehen.

Leben ist zu verstehen als organischer Prozess, als Entwicklung, in welcher das Individuum sowohl aktiv handelt, also die Entwicklung beeinflusst, als auch durch diese Entwicklung beeinflusst und geformt wird. Das Individuum befindet sich also im Wechselverhältnis von aktivem Gestalten seiner Umwelt und passivem Gestaltet-Werden durch diese Umwelt. Alles Leben ist ein nie unterbrechender, immer fließender dialektischer Prozess, in welchem Werden und Vergehen ineinander verschmelzen.

Konsequenzen

In der Friedensbewegung muss verstanden werden, dass ein friedliches Miteinander aller Menschen nicht vereinbar ist mit einem Wirtschaftssystem, welches grundlegend auf Ausbeutung, Gewalt, Dominanz und Herrschaft beruht. Eine friedliche Welt ist im Kapitalismus logisch nicht möglich, sie setzt vielmehr eine Überwindung des Kapitalismus voraus.

Dasselbe gilt für die Umweltbewegung. Eine Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen ist im kapitalistischen System nicht erreichbar, denn sie widerspricht der Logik des Systems. Eine ökologische Katastrophe ist nur dann noch zu verhindern, wenn jetzt und heute anders produziert wird.

Die beiden größten Herausforderungen, eigentlich Bedrohungen für die Menschheit, sind die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen und die drohende Vernichtung durch einen Atomkrieg. Beide Bedrohungen hängen zusammen mit den wirtschaftlichen und politischen Machtverhältnissen, also der modernen Form des Monopolkapitalismus in einem Weltsystem der Nationalstaaten.

Ein solidarisches Zusammenleben der Menschen im Einklang mit der Natur ist in unserer Welt dann möglich, wenn wir die Begrenzungen des Nationalstaates in einer besseren Form des Zusammenlebens überwinden und eine Wirtschafts- und Gesellschaftsform errichten, in der das hergestellt wird, was wir zu einem guten Leben brauchen.

Ökologie und Klassenkampf

von Patrick Münch

Foto: Brian A Jackson/Shutterstock.com

Die Menschheit ist in ein neues Zeitalter eingetreten, das Anthropozän, die vom Menschen beeinflusste natürliche Umwelt. Glaubt man den Schlussfolgerungen der beiden Biologen Paul und Anne Ehrlich, dann könnte es das letzte Zeitalter sein, in welchem Menschen als Art auf der Erde vertreten sind.

Zumindest sehen die beiden Wissenschaftler wenige Chancen, dass die Katastrophe abgewendet werden kann. In ihrer Studie „Can a collapse of global civilization be avoided?“ kommen sie zu dem Schluss, die meisten Menschen könnten die Gefahren einfach nicht erkennen. Dabei seien die Anzeichen überall zu sehen.1

Die Veränderungen der natürlichen Umwelt haben ein Ausmaß angenommen, das katastrophale Entwicklungen in Gegenwart und Zukunft immer wahrscheinlicher macht. Nicht nur die Erwärmung der Atmosphäre, der Klimawandel, mit allen Folgen wie Ernteausfällen, daraus resultierenden Hungerkatastrophen und Flüchtlingsbewegungen, sondern auch wesentliche andere Tatsachen sind Teil der Entwicklungen.

Dazu gehören an erster Stelle das Artensterben, also der Verlust von Biodiversität, und der Input von Stickstoff und Phosphor in die Biosphäre und die Ozeane.2 Heute freue ich mich über jede Wespe, Biene oder Hummel, die ich sehe, weil ich weiß, dass es manche Art schon bald nicht mehr geben wird. Schon heute hören wir weitaus weniger Vögel singen als zu unserer Kinderzeit. Die Welt ist ärmer geworden.

Lösungsansätze

Tatsächlich gibt es verschiedene Ansätze, wie diesen Entwicklungen zu begegnen ist. Der Ansatz des „grünen Kapitalismus“ (Green Economy, Green New Deal) läuft darauf hinaus, innerhalb des kapitalistischen Systems eine Lösung der Probleme anzustreben. Dabei werden die Grundprinzipien des Wirtschaftssystems nicht angetastet. Weder wird das Prinzip der Profitmaximierung in Frage gestellt, noch werden Alternativen zur herrschenden Eigentumsordnung gedacht. Alles soll so bleiben wie es ist, nur in grün. Aber es gibt keinen grünen Kapitalismus.

Denn es ist eher unwahrscheinlich, dass eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, deren vorrangigsten Ziele die Maximierung des kurzfristigen Profits sowie die Privatisierung allen Eigentums sind, in der Lage ist, den Herausforderungen unserer Zeit gerecht zu werden.

Darauf weist Richard Smith vom Institute for Policy Research & Development in London ausdrücklich hin und fordert für eine lebenswerte Zukunft den Aufbau einer ökosozialistischen Zivilisation.3 Das würde allerdings einen dramatischen Umbau des vorherrschenden Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells bedeuten.

Einem solchen Umbau stehen jedoch mächtige Interessen im Wege. Nicht zuletzt ist es allerdings das Denken der Mehrheit in freien demokratischen Gesellschaften, das paradoxerweise vernünftige Lösungsansätze verhindert.

Das doktrinäre System im Parlamentarismus

Wir wurden im doktrinären System dazu erzogen, in unserem Denken immer sorgsam abzuwägen. Schließlich, so brachte man uns bei, gibt es ja zu jeder Meinung eine Gegenmeinung. Nach einer vernünftigen Diskussion findet man dann einen Kompromiss. In einem solchen Denkmuster kann es keine Ausbeutung geben sondern vielmehr eine Sozialpartnerschaft.

Auch kann man nicht sagen, dass mächtige Staaten andere überfallen und unterdrücken, das heißt humanitäre Intervention. Genauso wenig kann man deutlich machen, dass die Folgen unseres Wirtschaftens die Lebensgrundlagen der Menschheit zerstören.

Eine solche Aussage zu treffen, das heißt, den doktrinären Rahmen zu sprengen, und darauf steht die Strafe des Ausschlusses aus dem Kreis der Vernünftigen, die immer zu einem ausgewogenen Urteil finden.

Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist verknüpft mit einem Regierungssystem, das auf parlamentarischer Basis die Herrschaft einer Minderheit über die Mehrheit absichert.

Durch ein ausgeklügeltes System der Gewaltenteilung ist es den Herrschenden in einer Demokratie ohne Anwendung von Gewalt möglich, die Mehrheit der Bevölkerung zu kontrollieren und sicherzustellen, dass wichtige Institutionen immer mit dem eigenen Dienstpersonal besetzt werden.

Damit ist der Parlamentarismus strukturell antidemokratisch. Um die Illusion einer gerechten Gesellschaftsordnung aufrechtzuerhalten ist allerdings ein ausgefeiltes Indoktrinationssystem nötig.

Dieses System ist institutionalisiert durch Schule und Ausbildung, Medien, Behörden und Ämter, Politik, aber auch wirksam durch Intellektuelle und Literatur sowie durch Propaganda und ihr kommerzielles Gegenstück, Werbung bzw. Public-Relations.

Logik des Systems und Alternativen

Das kapitalistische System mit seiner Maxime der Profitmaximierung wird gemäß seiner Logik dazu führen, die Klimakatastrophe und andere katastrophale Entwicklungen weiter zu verschärfen.4

Innerhalb der Logik des Systems hat immer der Profit Vorrang vor vernünftigen Entscheidungen, die den Katastrophen entgegenwirken könnten. Wenn man vernünftige Lösungen anstreben will, muss man das System grundsätzlich umwälzen.

Im parlamentarischen Rahmen ist es meines Erachtens allerdings nicht möglich, eine Mehrheit für eine Änderung des Wirtschaftssystems zu erreichen, denn wirtschaftliche Macht übt einen zu großen Einfluss auf politische Entscheidungen aus.

Wir alle tragen aber die Verantwortung, unsere Erde den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen.5 Wenn wir erkennen, dass der Parlamentarismus in eine Phase der Postdemokratie eingetreten ist, dann heißt die Konsequenz daraus, dass die Menschen die Verantwortung für ihre Belange nicht weiter an gewählte Vertreter abgeben können.

Deshalb müssen Alternativen oder zumindest Ergänzungen zum parlamentarischen System gedacht werden. Hier darf es keine Denkverbote geben! Eine denkbare Möglichkeit für die Zukunft wäre eine Organisation auf der Basis einer Rätedemokratie, wobei alle Entscheidungen dort getroffen werden, wo die Menschen leben und arbeiten.

Die Eigentumsordnung darf nicht tabu sein! Das Eigentum an Unternehmen sollte grundsätzlich bei denen liegen, die in diesen Unternehmen arbeiten. Sie treffen die Entscheidungen und ihnen gehört der erwirtschaftete Gewinn.

Andere Formen des Wirtschaftens sind denkbar und möglich! Bereits heute gibt es viele Unternehmen, die von den dort arbeitenden Menschen geführt werden.6

1Ehrlich PR, Ehrlich AH. 2013 Can a collapse of global civilization be avoided? Proc R Soc B 280: 20122845. http://dx.doi.org/10.1098/rspb.2012.2845

2 https://www.stockholmresilience.org/

3 Richard Smith, “Capitalism and the destruction of life on Earth: six theses on saving the humans”, real-world economics review, issue no. 64, 2 July 2013, pp. 125-151, http://www.paecon.net/PAEReview/

4 http://monthlyreview.org/2013/09/01/fossil-fuels-war

5 Engels, Friedrich; Naturbeherrschung. Kurzsichtigkeit hinsichtlich der ferneren Auswirkung der Naturbearbeitung bei lediglich betriebswirtschaftlicher Kalkulation; Studienausgabe in 5 Bänden; Band V; Prognose und Utopie; Aufbau Taschenbuch Verlag GmbH; Berlin; 2004; S. 192

6 https://www.democracyatwork.info/